Silvesterlauf 2012 – geht auch mit nackten Füssen

 

Als ich vor etwa 4 Jahren zum ersten Mal die Silvesterlauf-Strecke ausprobiert habe, lief ich in meiner ersten Saison in den Vibram Fivefingers KSO. Ich hatte zwar schon einige Wochen Training mit den für mich noch sehr neuen, sehr dünnen Schuhen hinter mir, aber war schon sehr begeistert vom Gefühl.

Es gab nur wenige Untergründe, auf denen mir das laufen mit dem Modell nicht gefiel: Split und Pflastersteine. Von letzterem gab es auf der Laufstrecke so einiges und mir taten bereits nach 2 Runden die Füsse weh.

Vier Jahre und viele Rennen später, hatte ich mich nun entschieden, endlich einen Wettkampf ohne Schuhe, also nur barfuss, zu laufen. In den letzten Wochen hatte ich mich schon einigermassen vorbereitet und war bei den Lauftrainings mit den Anfängern und teils auch bei den Fortgeschrittenen ohne Schuhe unterwegs, sehr zur Verwunderung der Kollegen. Zu wenig, wie sich später herausstellen sollte, doch davon erzhähle ich nachher noch.

Wie kann man nur bei Schnee, Regen und Eis mit nackten Füssen laufen? Eigentlich geht es sehr gut. Es werden die Füsse weder besonders kalt, ausser man bleibt stehen oder läuft länger durch den Schnee, noch ist es besonders belastend, zumindest wenn man nicht sehr schnell läuft oder auf besonders rauhem Untergrund.

Nun kam also endlich ein kurzes Rennen auf den Plan, mit 8.6km Distanz. Die Kinder waren schon am Vormittag gelaufen, 1.4km für Sebastian (8) und Eric (12), 2.4km für Julian (14), der auch schon längere Distanzen absolviert hatte. Später am Abend stand dann auch für Silvia noch die lange Distanz an, die sich zum ersten Mal an eine Laufveranstaltung gewagt hatte, normalerweise ist sie im flotten Nordic Walking unterwegs.

Beim Einlaufen waren alle, inklusive mir, noch so sehr mit den Elite-Läufern beschäftigt, dass meine blanken Füsse gar nicht auffielen. Es war schön, so nah bei den schnellsten zu sein, die nur 30 Minuten vor uns starteten. Dann waren wir bald an der Reihe. Das Startfeld füllte sich immer mehr. Der Boden war nass, hatte noch einige Pfützen aber keinen Schnee mehr. Ein grosses Feld von TVU-Kollegen sammelte sich im vorderen Bereich, die kannten meine Verrückheit ja schon etwas. Drumherum gabs aber doch einige hochgezogene Augenbrauen. Ob ich meine Schuhe vergessen hätte? Ob’s nicht kalt wäre? Ob ich wirklich so laufen würde?

Etwas aufgeregt war ich ja schon, aber als es losging stand dann doch das Erlebnis im Vordergrund. Da ich mir sowieso vorgenommen hatte, es langsam angehen zu lassen, machte mir der Stau in der ersten Kurve keinen Kummer. Über das Pflaster auf der ersten Brücke ging besser als ich dachte, danach ging es gleich mit Asphalt weiter. Dieser war noch glatt genug. Man lernt erst unter solchen Umständen die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit der Strasse kennen.

An der nächsten Brücke zur Urania war der Boden schon ganz anders, deutlich grobkörniger. Es gab aber ein paar schöne, glatte Strassenmarkierungen, die ich erstmal nutzte. Das Publikum war mir etwas zu ruhig und eingeschlafen, so habe ich es erstmal mit etwas Rufen und Klatschen aufgeweckt, das Echo gab mir auch gleich neue Energie. Rauf an der Stadtpolizei vorbei ging es sehr gut, danach bergab auf Pflastersteinen wiederum etwas mühsamer. Rauf den Rennweg habe ich wieder das Publikum aufgemischt, später kannten mich hier schon viele. Auch einige meiner ehemaligen Kursteilnehmer waren dabei und feuerten mich an. Hinten ging’s wieder bergab auf Pflastersteinen, diesmal hatte ich aber schon etwas mehr Routine. Dann über die Bahnhofstrasse, ganz locker. In der Kurve wieder die Fans aufgemischt, auch wenn mein Klatschen mich selbst etwas anstrengt, es bringt doch viel Spass. Immer mal wieder gab’s ein paar übberraschte „Schau mal, barfuss“. Erste Runde fast fertig, dann noch an ein paar TVU-Kollegen vorbei und meiner Frau zugelächelt. Leider hat der Fotoapparat kurz nach dem ersten Foto schon seinen Geist aufgegeben, aber für ein etwas unscharfes Bild hat es noch gereicht.

P1000121

Jetzt konnte ich die zweite Runde mit etwas mehr Erfahrung nehmen. Neben mir lief immer wieder Andi Sutter, der zum ersten Mal mit Vibram FiveFingers gestartet war. Auch Tanja war irgendwo kurz hinter mir unterwegs, ebenfalls zum ersten Mal in VFF, und später startete auch meine Frau, zum ersten Mal in einem Rennen, auch in VFF. Die zweite Runde nahm ich bereits mit etwas mehr Elan, weil die Belastung nicht so gross war wie befürchtet. Das Laufen fühlte sich regelrecht leicht an, der Aufprall des Fusses sanft. Nur die Zerrung in meiner Wade machte mir noch etwas zu schaffen, die Belastung auf den Füssen war etwas asymmetrisch. Nun kannten mich schon einige Zuschauer und die Kurven wurden mehr und mehr zu Fankurven. Wieder rauf, runter, rauf, runter, teils nun schon mit recht schnellem Tempo über die Pflastersteine. Zweite Runde erledigt.

Dritte Runde, gleiches Spiel, Tempo erhöht, Fans angefeuert, Frau gegrüsst, Zeit gemessen. Nun zur letzten Runde. Jetzt gebe ich alles. Durch das höhere Tempo fangen die Füsse etwas an zu brennen, da die Reibung auf dem Boden die Haut belastet. Ausserdem setze ich den linken Fuss noch immer schräg auf, die Wade muckt noch immer. Die Kurve in den Rennweg nehme ich abenteuerlich, die feuchten Steine sind etwas glatt. Rauf den Rennweg, runter zur Bahnhofstrasse, die Kanten der Steine fühlen sich jetzt etwas hart und spitz an, aber nun hab ich’s fast geschafft. Bei dem Schlenker am Paradeplatz renne ich fast in eine Säule, hier wird’s zu eng und schnell, gefährlich. Letzte Etappe, die 200m Sprint ins Ziel, schön elastisch.

Im Ziel angekommen, meine Frau ist schon da und freut sich mit mir. Die Füsse? Sagen wir’s so: der Boden ist angenehm feucht und kühl. Ich geniesse das. Die Kollegen vom TVU stehen schon und warten, ein paar Minuten länger wird’s schon gedauert haben ohne Schuhe, aber 37 Minuten ist auch nicht schlecht. Und den Spass war es mir wert.

Das Problem ergibt sich erst im Nachhinein. Ein Fuss hat eine deutliche Blase, 3 Zehen haben Abschürfungen. Das wird ein paar Tage dauern, bis die wieder belastbar sind. Am Freitag und Samstag will ich aber jeweils 55km mit Ruedi Rennt laufen (www.ruedirennt.ch), für die Spendenwoche. Hoffentlich geht bis dahin alles wieder.

Und die Moral von der Geschichte?
– Es hat viel Spass gemacht, das Laufen war so wunderbar leicht und federnd
– Pflastersteine sind kein idealer Untergrund, gehen aber, wenn man nicht zu schnell rennt.
– Ich hätte mich vorher mal massieren lassen sollen, um die Zerrung in der Wade besser verheilen zu lassen.
– Die Blasenpflaster im Rucksack waren eine gute Idee.

Den Abend habe ich dann in der Notaufnahme verbracht. Immerhin nicht wegen meiner Füsse, sondern wegen der Hand meiner Frau. Die war in der berüchtigten Unterführung am Paradeplatz auf einem Kanaldeckel ausgerutscht und hatte sich 2 Finger ausgerenkt und die Gelenke bis auf die Sehnen aufgeschnitten. Hart wie sie ist, hat sie ihren ersten Lauf aber trotzdem absolviert. Nach dem Sturz ist sie noch die 400m bis ins Ziel tapfer gegangen, ihre blutende Hand haltend, hat eine Gesamtzeit von 1:00:57 erreicht und mit Schmerzen aber viel Stolz direkt den Sanitätsdienst aufgesucht… Ich hoffe, wir können das ein anderes Mal ohne Unfall wiederholen. Immerhin: trotz wenig Training im Rennen hatte sie nicht mal Muskelkater in den Waden und auch nicht die Knieschmerzen, die sie bei klassischen Laufschuhen immer hatte. Das Training im Nordic Walking hat ihr wohl für die Wade schon so viel Vorbereitung gegeben, dass die Muskeln stark genug waren. Alle Achtung!

Posted in Rennberichte and tagged .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.