Vier Drecksläufe – ein Vergleich

Wie wär’s denn, wenn wir mal nur zum Spass laufen würden, statt im Ernst. Obendrein wäre es dann noch lustiger, wenn es Hindernisse auf der Strecke gäbe, es richtig dreckig zugehen würde und wir dabei noch verkleidet wären. Das ganze dann noch mit guter Zusammenarbeit im Team, da klingt doch nach einer guten Idee, oder?

Wer hat denn hier seine alten Reifen abgelegt? – Mudiator Schluchsee

Schon seit mehreren Jahren erhalte ich als Lauftrainer ein Einladung zum kostenlosen Start beim Survival Run in Thun. Dabei handelt es sich um einen Lauf auf einem Truppenübungsplatz, auf dem eine Menge Hindernisse zu überwinden sind. Bisher hatte ich das Angebot immer ausgeschlagen, weil mir der Termin im März zu knapp vor dem Zürich Marathon lag. Da ich aber dieses Jahr auf den Marathon verzichtete, war auf dem Wettkampfkalender noch zu viel Platz.

Wenn man etwas neues anfängt, geht es leichter mit Freunden zusammen, und so fragte ich meine Freundin Sylvia, ob sie denn mitmachen möchte. Sie ist zwar Fitnessinstruktorin, war aber bis dato noch nie als Läuferin unterwegs. Mit einer guten Portion Humor und Fitness ausgestattet, dazu dem nötigen Kampfgeist, war sie aber optimal vorbereitet und so ergab sich über das Jahr gleich eine ganze Reihe von lustigen Rennen, über die ich hier berichten möchte.

Der Kälteste

Der Survival Run in Thun findet im März statt, es ist der erste der Saison und als wir an jenem nebligen Sonntagmorgen ankamen, war es etwa 3 Grad kalt und es regnete. Das erste Hindernis, dass wir entdeckten war ein Wasserbecken, in dem obendrauf eine Eisschicht schwamm, das versprach also nichts Gutes! Wir waren als Team zu zwei Personen angemeldet, mit dem Plan, dass jeder von uns eine Hälfte läuft. Damit es nicht zu ernst wird, hatten wir uns verkleidet, so wie viele der anderen 3000 Teilnehmer auch: Sylvia als schwarzer Engel mit Flügeln, ich als Teufelchen mit Hörnern. Klar ist die Verkleidung hinderlich, aber das gehört zum Konzept. Um uns herum hielten sich ja auch  viele andere entsprechend bereit: Teletubbies, Teenage Mutant Ninja Turtles, Neandertaler, Superhelden und viele weitere Lustige Kostüme, ähnlich wie Fasching halt.

Endlich ging es los und wir wurden schon auf den ersten hundert Metern gut aufgewärmt, als wir über Barrieren aus Stroh klettern mussten, die uns beim Laufen immer wieder aus dem Takt brachten. Als nächstes wurden die Wartungsgruben für die Panzer missbraucht, um uns unter einer langen Plane durchkrabbeln zu lassen. Ein 50 Meter langer Reifenhaufen war im ersten Durchgang noch trocken und gut machbar, das sollte aber, wie so vieles anderes, auf der zweiten Runde noch deutlich schwieriger werden. Wir liefen also weiter und hatten so etwa alle 500m wieder eine neue Überraschung: auf dem Bauch durch den Schlamm robben, über Holzwände klettern, durch Röhren krabbeln, über Hügel und durch schlammige Pfützen laufen, bis dann einige der Höhepunkte kamen: wir liefen in eine Riesenpfütze, etwa 50m lang, bei der uns das eisige Wasser etwa bis zur Brust mit seinem kalten Griff umklammerte, während wir versuchten, in dem sumpfigen Boden unseren Tritt zu finden. Einige verloren das Gleichgewicht und wurden mit einer Ganzkörper-Schlammpackung belohnt.

Ganz schön hoch, so eine Bretterwand – Tough Mudder

Kurz darauf ging es steil den Berg hoch, dabei hatte man uns noch grosse Baumstämme quer in den Weg gelegt. Bei der Anstrengung wurde uns immerhin wieder wärmer, während das Wasser und der Schlamm aus dem Klamotten und Schuhen triefte. Über viele weitere Hindernisse ging es zur Panzer-Rüttelstrecke, eine betonierte Fahrbahn mit grober, unregelmässige Oberfläche, die auch uns Läufern keine Freude machte, man musste dauernd aufpassen, dass man sich nicht der Fuss verdreht. Gleich danach kam die seitlich stark abgeschrägte Steilwand, auf der wir auch nur mit grosser Mühe geradeauslaufen konnten. Nun ging es einen steile Wand hoch, auf der die herunterhängenden Seile auch nicht wirklich eine Hilfe waren.

Kurz vor dem Ende der Runde mussten wir dann endlich durch den besagten wassergefüllten Container steigen, damit wir auch wieder halbwegs sauber waren und uns danach auf einer breiten Rutsche aus Plastikfolie den Hügel herunterstürzen konnten. Eigentlich wäre hier meine Runde zu Ende gewesen, aber weil es nun doch wirklich sehr lustig war, bin ich dann mit Sylvia zusammen auf die zweite Runde gegangen. Gemeinsam ging es also wieder über Stock und Stein und tatsächlich war nun auch alles bedeutend schwieriger. Der Schlamm an den Füssen machte das Laufen über die Reifen zum rutschigen Abenteuer, die Pfützen waren alle tiefer und weicher und die Baumstämme im Weg waren inzwischen so nass und rutschig, dass man beim drüberklettern kaum noch Halt hatte.

Nach etwas mehr als 2 Stunden waren wir im Ziel. Dort wurden wir von Betreuuern mit Gummistiefeln und Gartenschlauch kalt abgespritzt, um halbwegs sauber zu werden. Draussen vor den Panzerhallen hatte man grosse Duschzelte aufgebaut, in dem sich die vor kälte zitternden Athleten gegenseitig Platz machten, um sich beim reinigen wieder aufzuwärmen. Wir bekamen alle ein T-Shirt zur Erinnerung und durften müde aber zufrieden wieder heim fahren.

Wenn man nicht zu gross ist und keine Platzangst hat, ist man hier klar im Vorteil - Mudiator Schluchsee

Wenn man nicht zu gross ist und keine Platzangst hat, ist man hier klar im Vorteil – Mudiator Schluchsee

Der Vollste

Nachdem Thun uns beiden so Spass gemacht hatte, trotz des Muskelkaters im Bauch vom Klettern und der paar blauen Flecken, wollten wir unbedingt weitermachen und fanden den Strongmanrun in Engelberg. Diese Rennserie ist schon deutlich besser etabliert, entsprechend auch grösser. Mit etwa 10000 Teilnehmnern war alleine schon das Warten am Start ein Abenteuer und eine Geduldsprobe zugleich. Zum Glück waren wir in guter Begleitung, eine Freundin von Sylvia hatte einen Trupp von über 10 Personen organisiert, die alle mit Superhelden-Köstümen ausgestattet wurden. So startete ich als Batman, inklusive Maske und Cape. Immerhin war mein Dress schon am Anfang schwarz, so dass der spätere Dreck auch nicht mehr auffallen würde. Das Wetter war im Juni natürlich deutlich wärmer, glücklicherweise wurde beim Warten immer wieder mit Feuerwehrschläuchen in die heisse Menge gespritzt. Um uns herum waren gefühlt 90% der Teilnehmer im Kostüm. Besonders beeindruckend waren die im augeblasenen Dinosaurier-Dress und auch die Familie Feuerstein inklusive Fahrzeug. Keine Ahnung, wie die das über die Hindernisse gebracht haben. Der Start dauerte so lange, weil bereits das erste Hindernis mit seinem groben Seilnetz nicht ganz einfach zu überwinden war. Danach gab es einige Strohwände, bevor wir dann bei “Simi Rückwärts” eine Skisprungschanze an Seilnetzen heraufklettern durften. Nach einer weiteren Strecke bergauf und bergab durften wir dann eine Weile anstehen, bis wir endlich auf einer grossen Rutsche aus Plastikplanen den Berg hinab in eine Wanne mit schlammigem Wasser hinabrauschen durften.

Batman fängt auch mit „B“ an, genau wie Bertram und Barfusscoach! – Strongmanrun Engelberg

Darauf folgte eine längere Laufstrecke mit ähnlichen Hindernissen wie in Thun, aber tendenziell grösser, tiefer, länger und schlammiger. Bei den Temperaturen besonders erfrischend war die Passage durch einen Bergbach, der uns genug abkühlte, dass wir fröstelnd die darauf folgenden Rampen erklommen. Wir wurden dann noch viel wacher, als wir durch ein Gewirr von herabhängenden Metallstreifen laufen mussten, das immer wieder wie ein Weidenzaun unter Strom gesetzt wurde. So ein Schlag zieht durch den ganzen Körper und durchbricht sehr gerne den Laufrhythmus. In der “Disco” wurden wir durch Nebel, Stroboskoplicht und Strohballen völlig aus der Orientierung gebracht, bevor wir uns dann wieder am Start für die zweite Rund wiederfanden. Mit 20km und 700hm war dies dann auch der lauftechnisch anspruchsvollste der Wettkämpfe.

Der Schwierigste

Der Tough Mudder Süddeutschland findet im September statt. Er ist Teil der Tough Mudder Serie, eine internationalen Veranstaltungen in diesem Bereich. Schon bei der Ankunft in Wassertrüding in Bayern fällt die professionelle Organisation auf, die sich bei einer Grösse von 20.000 Teilnehmern über 2 Tage auch lohnt. Der Gaudi-Faktor ist hier etwas kleiner als beim Strongman, dafür wirken die Teilnehmer etwas militärisch-sportlicher. Wir starten in der ersten Gruppe am ersten Tag, während das Areal sich noch füllt. Bereits beim Start können wir einige der Hindernisse erkennen, die wir am Ende überwinden müssen. Der “Everest 2.0” macht mit seiner Grösse schon aus der Distanz einen guten Eindruck. Vor dem Start werden wir von einem Animateur noch ordentlich eingeheizt und mit sportlichen Übungen aufgewärmt, bevor wir als Gruppe von 50 Teilnehmern starten können.

Die verkleideten Massen quälen sich bereits am Anfang in der brütenden Hitze über die Strohstapel – Strongmanrun Engelberg

Bereits auf den ersten Metern wird klar, dass hier Teamarbeit gefragt ist. Um die 3m hohen Wände zu überwinden müssen wir uns gegenseitig mit Räuberleiter helfen und uns hochschieben. Viele der Hindernisse kennen wir schon von anderen Rennen, aber hier ist alles sehr professionell, stabil und gross ausgelegt. Ausserdem gibt es eine Menge Schilder mit humorvollen Sprüchen, um uns bei Laune zu halten. Besonder schön sind aber einige der kreativeren Etappen. So zum Beispiel der “Geburtskanal”, bei dem man 50m über den Boden robben muss, während man von oben durch eine flexible Wasserwanne heruntergedrückt wird. Psychisch grenzwertig ist auch das Wasserbecken, mit einem Gitter etwa handbreit über der Wasseroberfläche abgesperrt. Wir müssen uns etwa 50m lang auf dem Rücken schwimmend durch’s Wasser ziehen und haben kaum genug Platz um die Nase und den Mund aus dem Wasser zu bekommen.. Ich brauche einige Momente, um die Klaustrophobie zu unterdrücken. Lustiger, wenn auch schmerzhaft, ist danach der “Electric Eel”, bei dem wir robbend unter elektrischen Drähten hindurch müssen, die uns natürlich immer mal wieder an der Schulter oder am Hintern erwischen.

Das “Arctic Enema” macht seinem Namen auch alle Ehre. Der Lastwagen mit den Säcken voll Eis, die von 4 Leuten laufend ins Wasserbecken geworfen wurde,  ist schon ernüchternd.  Wir müssen aber zuerst noch 3m hoch klettern, bevor wir per Rutsche ins Wasser rauschen. Wir wähnen uns bereits glücklich, als wir ins eisige Wasser ankommen, ohne uns den Kopf nass zu machen. Aber leider wartet vor uns eine Barriere, unter der wir erst noch durchtauchen müssen. Für viele von uns ist dies das schwierigste Hindernis, einige haben noch 10 Minuten später Kopfschmerzen. Wem das noch nicht genug war, der bekommt nach dem Zieleinlauf noch einen Nachschlag, denn die Duschen sind nur kalt und das Wetter noch nicht so warm, dass wir uns drüber freuen würden. Durch die vielen Passagen, die nur per Teamarbeit zu schaffen sind, oder die man nur mit Schwung und Kraft überwinden kann, ist dies auf jeden Fall der schwierigste Wettkampf. Die Laufstrecke ist dafür sehr schön, auf Naturpfaden durch den Wald mit moderaten Höhenmetern.

Zwischen Wasser und Zaun ist kaum Platz zum Atmen

Zwischen Wasser und Zaun ist kaum Platz zum Atmen, wer hier noch lächeln kann ist echt tough! – Tough Mudder

Der Ekligste

Die Mudiator Rennserie ist noch jung und klein, aber dadurch noch sehr gemütlich und persönlich. Wir starten am Schluchsee im Schwarzwald, in der Nähe von Rothaus, wo das lokale Bier gebraut wird. Als letzte Gruppe von nur 400 Startern auf der 18km-Langdistanz können wir uns über bereits gut eingeweichte Pfützen und schlüpfrige Hindernisse freuen. Auch dieses Rennen hat einige Neuerungen zu bieten, angefangen bei den 30m langen Schwebebalken, über die wir balancieren müssen. Das Rennen geht auch durch das Gelände der Rothaus-Brauerei, dabei verschiedentlich unterirdisch, wir kriechen im Dunkeln auf allen vieren durch die Betonrohre, die hier einen Bach (hoffentlich!) kanalisieren. Dabei dürfen wir uns auch immer wieder den Kopf oder das Knie anstossen. Zum Glück bin ich nicht so gross!

Pfütze

Dieser Tümpel hat wenigstens nicht so gestunken wie der in der Nähe vom Schweinestall. Und man musste nicht durchschwimmen… – Mudiator

Bei der nächsten Passage werde ich an die britischen Fell-Running Läufe erinnert. Wir rennen bergab durch ein matschiges Bachbett. Der Boden ist sehr unregelmässig, mit nassen, grasüberwachsene Steinen zwischen weichen und schlüpfrigen Pfützen. Danach geht es den Berg hoch zu einem Bauernhof. Der Geruch eines Schweinestalls liegt in der Luft, doch unsere Aufmerksamkeit gilt dem Tümpel vor dem Hof. Eine Reihe von Sportlern hat sich bereits am Ufer gestaut, wir haben etwa 20m Wasser zu durchqueren mit jeweils recht steilen, grasüberwachsenen Böschungen davor und dahinter. Zwei Seile weisen uns die Strecke, an ihnen ziehen sich einige bereits durch’s trübe Wasser. Ich habe keine Lust auf Warten und springe rein. Der Geruch und Geschmack ist eklig, eine Kombination von Mist und Pflanzen. Was war das vorhin nochmal für ein Stall in der Nähe??? Da ich viel schneller im Kraulen als im Brustschwimmen bin und das Wasser sehr kalt ist, behalte ich trotzdem den Kopf unter Wasser und schwimme zum anderen Ufer. Es ist schwer, den Ekel zu überwinden und weiterzulaufen. Mein T-Shirt stinkt, mein Mund schmeckt widerlich und aus den Haaren tropft der Siff. Mit Fönfrisurschwimmen wäre ich vielleicht doch besser dran gewesen. Überraschenderweise stellen sich in den nächsten Tagen auch keine Verdauungsprobleme ein, das könnte aber auch an der grossen Menge Rotwein liegen, mit der ich nach dem Lauf die Eingeweide desinfiziert habe.

Zum Glück haben wir noch eine neue Herausforderung vor uns, etwa ein Dutzend Absperrgitter im Abstand von 20m, die wir am besten mit Schwung in der Hüfte überspringen. Insgesamt sind es bei diesem Lauf auch wieder etwa 50 Schikanen. Lustig sind auch mehrere Partieen mit Sackhüpfen, dakommen Erinnerungen an Kindergeburtstage auf.

"Simi rückwärts": erst mal die Sprungschanze hochklettern, dann auf der Rutsche hinab in den Dreck

„Simi rückwärts“: erst mal die Sprungschanze hochklettern, dann auf der Rutsche hinab in den Dreck – Strongmanrun Engelberg

Kurz vor dem Ziel erwartet uns dann der langersehnte Stand mit dem Freibier der Rothaus Brauerei. Ich genehmige mir das ein oder andere, während ich auf die anderen aus meinem Team warte. Der letzte Kilometer läuft dann auch umso leichter und wir sind alle im Ziel froh, es hinter uns zu haben. Insgesamt war der Lauf angenehm ruhig, mit ein paar lustigen, neuen Hindernissen und viel Potential, sich von seiner kleinen Teilnehmerzahl noch grösser zu entwickeln.

Das Fazit

Mir persönlich hat der Tough Mudder am besten gefallen, auch wenn ich nicht ein Fan so grosser Veranstaltungen bin. Der Mudiator ist der gemütlichste, kleinste. Der Strongmanrun ist der bunteste, mit der besten Stimmung. Und der Survival Run ist der militärischste, ernsteste. Es kommt also sehr darauf an, was man sucht. Besonders charmant finde ich die Renen, bei denen man als Team arbeiten muss. Da ist ist die Stimmung dann auch meistens sehr kooperativ, eine willkommene Abwechslung von dem Konkurrenz-Denken, was bei einigen anderen Rennen vorherrscht.

Warum die Läufe so viel Spass machen? Es ist die sinnlose Freude an der Bewegung, verbunden mit dem ungewohnten Erlebnis der Natur, hautnah, und bis über die Ohren. Insbesondere in Thun hatte ich das Gefühl, dem Winter einen ordentlichen Tritt in den Hintern gegeben zu haben. Denn wer sich freiwillig ins Eiswasser stürzt, dem machen auch ein paar Wolken und Nebel nichts aus. Und das stärkt doch das Selbstvertrauen und erleichtert die Arbeit im trockenen und warmen Büro am darauffolgenden Tag. Ich komme nächstes Jahr gerne wieder!

Auch die Veranstalter behalten den Humor

Auch die Veranstalter behalten den Humor! – Tough Mudder

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